Alles eine Frage des Glaubens

Antworten könnte das Kloster selbst liefern. Oberzell ist Gründungsort und Zentrum des Ordens der heiligen Kindheit Jesu, oder wie die Schwestern häufig genannt werden: die Oberzeller Franziskanerinnen.

Mit dem Fahrrad über den Main sind es nur wenige Minuten bis zum Kloster und so gibt Schwester Juliana schon kurz nach Dienstschluss in der GU eine Führung über das Gelände, die Kirche, die anliegenden Räumlichkeiten und deren Geschichte. Im Zentrum steht dabei zweifellos das Mutterhaus. Ein wuchtiges Gebäude von monumentalem Charakter, Mitte des 18. Jahrhunderts von einem der prägendsten Bauherren der Barockzeit erweitert: Balthasar Neumann. Dementsprechend ausladende Treppenaufgänge, hohe Räume und lange Flure wirken erhaben und beständig. Wirken aber auch unnahbar und unbelebt, wenn man sie lässt. Schwester Juliana lässt nicht. Sie füllt den Raum mit Begeisterung, wenn sie von Antonia Werr, der Gründerin des Klosters, erzählt und davon, wie diese schon im 19. Jahrhundert gegen Gewalt an Frauen und für mehr Gleichstellung gekämpft hat. Bei der Beschreibung von Franz von Assisi´s Tugenden strahlt sie voller Bewunderung und allmählich wird klar, dass materieller Verzicht, ökologisches Handeln und respektvoller Umgang mit allen Menschen, für Juliana nicht bloß antike Bekenntnisse sind. Vielmehr sind es hochaktuelle Themen und für die Ordensschwester auch Emotionen.

Emotionen, Glaube, Taten, Juliana verwebt all das zu einem komplexen Lebensentwurf. Als sie einmal sagt, dass der „Glaube einen guten Boden bietet aber auch kein Allheilmittel ist“, könnte man kurienbedingt zusammenzucken. Doch mit einem Lächeln fügt sie an, dass ihr vor allem auch Menschen wichtig sind, die Natur und die Absicht, den Glauben zu leben.

Bei Ordensschwestern mag man das als selbstverständlich voraussetzen, doch wie selbstverständlich kann Glauben sein? Wie natürlich der Wunsch danach zu leben? Sie erzählt dann, wie sie mit Anfang 20 spürte, dass „Franziskus´ Glauben zu leben und seinen Glauben zu teilen“ etwas war, dass sie nicht greifen oder erreichen konnte, aber wonach sie leben wollte. Ein Gefühl zu beschreiben, ist vielleicht ebenso schwer wie eine Farbe zu beschreiben. Blau ist blau, aber wie ist blau? Und so fügt sie an, dass es wie ein tiefer innerer Wunsch war, wie ein Streben nach etwas, das einen völlig erfüllt und keinen Zweifel kennt, „vielleicht so ähnlich wie frisch verliebt“.
Und so trat sie nach einem Jahr als Missionarin in Südafrika, im Jahr 2009 ins Kloster ein und nach Postulat, Noviziat und Juniorat, legte sie 2015 den ewigen Profess ab, das Ordensgelübde auf Lebenszeit.

Heute wohnt Juliana in einem kleinen Konvent innerhalb des Klostergeländes, zusammen mit drei weiteren Ordensschwestern. Dem Gelübde nach besitzt keine Schwester ein eigenes, sondern nur ein gemeinsames Konventskonto, von welchem Geld verplant wird. Nahrungsmittel kaufen sie zusammen ein, mit „wenig oder am besten gar keiner Verpackung – am liebsten ökologisch“. Ein gewisser Betrag steht jeweils auch persönlich zur Verfügung, denn „auch Schwestern gehen gern mal ins Kino oder zum Theater“. Dafür wäre ja schließlich nach dem Abendgebet noch Zeit, doch zuvor begleitet sie den Gottesdienst noch auf der Orgel.

Sie betritt dann als Letzte die Kapelle und nimmt hinter ihren Glaubensschwestern Platz, sucht ein, dem Anlass angemessenes Lied aus, und beginnt den Rahmen für die Messe zu gestalten. In diesem Moment wird klar, dass ihr Platz inmitten der Glaubensgemeinschaft ist, und spätestens, wenn der Gesang ihrer Ordensschwestern einsetzt, wird es schwer Emotionen zu übersehen. Ohne eigenes Zutun tauchen dann die Fragen des Tages wieder auf. Beruf oder Berufung? Glaube oder Emotion? Hollywood oder Unterfranken?

Julianas Lachen wirkt ehrlich, wenn man die Klischees in Spiel bringt. Daraufhin zitiert sie Rilke, der einmal schrieb: „…Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.“

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